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Lernen messbar machen – aber was messen wir eigentlich?

Lernen messbar machen ist in vielen Organisationen ein wichtiges Ziel. Gleichzeitig wird erstaunlich selten gefragt, was dabei eigentlich als Lernen verstanden wird. Genau hier hilft eine Frage aus dem Improtheater: „If this is true – what else is true?“

Im Improtheater hilft sie, eine Szene logisch weiterzudenken. Wenn etwas einmal als wahr gesetzt ist, hat das Konsequenzen für alles, was danach passiert.

Genau das macht die Frage auch für Organisationen interessant. Denn wir handeln nicht nur nach Methoden, Tools oder Strategien, sondern immer auch nach Annahmen – oft, ohne sie bewusst zu machen. Und genau diese Annahmen haben Konsequenzen.

Warum Annahmen über Lernen nicht nebensächlich sind

In der Weiterbildung wird oft so gesprochen, als sei es zweitrangig, mit welchem Lernverständnis man arbeitet. Hauptsache, Inhalte sind da. Hauptsache, Lernen wird möglich gemacht. Aber genau hier lohnt sich die Frage: If this is true – what else is true?

Denn wenn wir bestimmte Annahmen über Lernen für wahr halten, folgen daraus automatisch Entscheidungen darüber, was wir gestalten, was wir messen und was wir für wirksam halten. Annahmen sind also nicht abstrakt – sie strukturieren Praxis.

Lernen messbar machen – aber auf welcher Grundlage?

Der Wunsch, Lernen messbar zu machen, ist nachvollziehbar. Organisationen wollen wissen, ob Weiterbildungsmaßnahmen wirken und ob sich Investitionen lohnen. Problematisch wird es dort, wo nicht mehr gefragt wird, was eigentlich sichtbar gemacht werden soll, sondern nur noch, was sich gut messen lässt. Genau an dieser Stelle wirken implizite Annahmen besonders stark.

Wenn Lernen als Wissensübertragung verstanden wird

Eine verbreitete Annahme lautet: Wissen ist etwas, das Menschen haben, und Lernen ist der Prozess, dieses Wissen aufzunehmen. Wenn das wahr ist – was ist dann noch wahr?

Dann erscheint Lernen schnell als etwas, das sich relativ geradlinig organisieren lässt: Inhalte werden bereitgestellt, Lernende nehmen sie auf, Wissen wird weitergegeben und Lernerfolg überprüft. Lernen wird so zu einer Form von Transfer. Und wenn das die zugrunde liegende Logik ist, wirkt es nur folgerichtig, Lernen vor allem darüber messbar zu machen, ob Wissen „angekommen“ ist – etwa über Tests, Quizze, Lernstände oder Abschlussquoten.

Was wir oft messen, ist nicht unbedingt Lernen

Vieles von dem, was in Unternehmen als „Lernen messbar machen“ bezeichnet wird, misst vor allem Informationsaufnahme, Erinnerung oder formale Teilnahme. Das ist nicht bedeutungslos – aber es ist nicht dasselbe wie Lernen.

Denn Lernen zeigt sich nicht nur darin, ob Menschen Inhalte wiedergeben können, sondern darin, was sie daraus machen: wie sie das Gelernte mit ihrem Arbeitsalltag verknüpfen, wie sich ihr Denken oder Entscheiden verändert und welche Bedeutung es im konkreten Kontext bekommt.

Was ich als Lernen verstehe, bestimmt also auch, was ich sinnvoll messen kann.

Wenn das Ziel eines Trainings zum Beispiel darin besteht, dass Führungskräfte hilfreicher Feedback geben, dann reicht es nicht aus zu prüfen, ob sie ein Feedbackmodell erinnern oder in einem Test korrekt anwenden können. Entscheidend wäre vielmehr, ob sich ihr Verhalten im Arbeitsalltag tatsächlich verändert: ob Feedback konkreter wird, ob Gespräche anders geführt werden und ob diese Veränderung auch von anderen wahrgenommen wird.

Tests, Quizze oder Lernpfade sind also nicht falsch – sie messen nur oft etwas anderes als das, worüber eigentlich gesprochen wird. Wer Lernen messbar machen will, sollte deshalb genau unterscheiden zwischen dem, was leicht abfragbar ist, und dem, was tatsächlich lernwirksam wird.

Der Unterschied zwischen Information und Wissen

An diesem Punkt wird deutlich, warum die Unterscheidung zwischen Information und Wissen entscheidend ist. Information kann bereitgestellt, gespeichert und verarbeitet werden. Wissen entsteht erst dort, wo Menschen Informationen mit Erfahrung, Kontext und Praxis verknüpfen. Wenn man diesen Unterschied ernst nimmt, wird klar: Lernen entsteht nicht automatisch dadurch, dass Inhalte verfügbar sind.

If this is true – what else is true?

Genau hier wird die Ausgangsfrage besonders relevant. Denn sie macht sichtbar, dass Lernsysteme nie neutral sind. Wenn Lernen als Wissensaufnahme verstanden wird, entstehen andere Lernangebote, Messlogiken und Erwartungen als dann, wenn Lernen als Auseinandersetzung und Aneignung verstanden wird.

Und das ist keine theoretische Frage. Es ist eine praktische mit direkten Folgen – etwa für die Rolle von Lernplattformen, für den Einsatz von Tests, für die Bedeutung von Austausch und Reflexion oder für die Gestaltung von Lernprozessen im Arbeitsalltag.

Was das auch für KI bedeutet

Diese Perspektive wird noch wichtiger, wenn KI ins Spiel kommt. Viele Erwartungen an KI in Weiterbildung und Wissensmanagement basieren implizit auf der Annahme, dass Wissen strukturiert und verfügbar gemacht werden muss, um nutzbar zu sein. KI ist tatsächlich sehr gut im Umgang mit Information – aber das ist nicht dasselbe wie Lernen. Lernen entsteht erst dort, wo Menschen Informationen einordnen, mit Erfahrung verknüpfen und in Handlung übersetzen.

Lernen messbar machen heißt zuerst: das eigene Lernverständnis klären

Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Herausforderung. Bevor wir Lernen messen, sollten wir klären, was wir überhaupt unter Lernen verstehen. Denn je nachdem, welche Annahmen wir für wahr halten, messen wir etwas völlig Unterschiedliches.

Es geht also nicht nur um die Frage, wie Lernen gemessen werden kann, sondern zuerst um die grundlegendere: Was halten wir überhaupt für Lernen?

Fazit: Nicht alles, was sich messen lässt, ist schon Lernen

Lernen messbar zu machen ist kein falsches Ziel. Aber es wird problematisch, wenn wir so tun, als wäre klar, was Lernen eigentlich ist. Genau deshalb lohnt sich die Frage: If this is true – what else is true?

Denn sie macht sichtbar, dass unsere Annahmen über Lernen nicht folgenlos sind. Sie prägen, was wir gestalten, was wir beobachten und was wir am Ende für wirksam halten. Vielleicht ist deshalb der wichtigste erste Schritt nicht, bessere Lernmetriken zu entwickeln – sondern die eigenen Annahmen über Lernen sichtbar zu machen.

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